Donnerstag, 12. Oktober 2017

Mein Schlesierland, Mein Heimatland!

Stillgelegte "Deutschlandgrube" in Schwientochlowitz - Heute ein Museum
Es ist ein Gefühl, dass der Schlesier kennt. Dieses Gefühl zu beschreiben, fällt ihm allerdings nicht leicht. Schlesier zu sein bedeutet viel mehr als nur dort geboren zu sein. Es ist sicher die Eigenart der Schlesier, die uns von anderen Kulturen unterscheidet. Wobei man auch hier wiederum die Schlesier in verschiedene Gruppen unterteilen kann: Die Niederschlesier, die Oppelner Schlesier, die Oberschlesier, die Teschener Schlesier an der Grenze zu Tschechien. Das mag uns als Schlesiern durchaus bewusst sein, dass wir kein homogene Gruppe sind.

Historische Arbeitersiedlung "Nickischschacht" bei Kattowitz

Die Liebe zur Heimat

Der Admiralpalast in Hindenburg
Es ist vielmehr das Heimatgefühl, dass jeder in uns trägt: Die Verbundenheit zu Schlesiens wunderschöner Natur, seiner bunten Landschaft - in vielen Teilen unberührt. Es ist die Luft, der Himmel, das Klima, ja auch das Unwetter, sowohl die warmen Sommer- als auch die frostigen Wintertage, die der Schlesier ins Herz schließt. Schlesiens Geschichte macht ihn stolz: Von den Piasten und den Habsburgern bis hin zu den Preußen. Sein einstmaliges Reichtum: Steinkohle und Roheisen. Eine Bergbaukultur hat sich entwickelt, die bis heute gepflegt, geachtet und an die nächste Generation weitergegeben wird. In den Großstädten tritt hinter bröckelnden Fassaden eine Architektur zu Tage, die stark von dieser goldenen Ära aus dem 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts hervorgeht. Schlösser und Residenzen sind das Eine. Wirtschaftsgebäude, Infrastruktur und Institutionen das Andere: In Bergwerken und Stahlhütten wurden die Bodenschätze mit innovativster Technik verarbeitet. Dies kam der Bevölkerung Oberschlesiens auch zu Gute. Das „schwarze Gold“ brachte der Region den wirtschaftlichen Aufschwung. Schulen, Krankenhäuser, Straßenbahnen, Eisenbahnlinien, Unterhaltungsgebäude uvm. ermöglichten den Bewohnern Schlesiens ihren Lebensstandard und damit auch die Lebensqualität deutlich anzuheben. Aus unterschiedlichen Regionen Europas siedelten sich Menschen in Oberschlesien an, um Arbeit zu finden - es entstand ein Schmelztigel der Kulturen in Europa.
Gleiwitzer Rathaus am Marktplatz

Unerfüllte Realität - trostlose Entwicklung

Leider, und das blende ich immer wieder aus, wenn ich an die Heimat denke, sind die Gegebenheiten heute grundverschieden. Durch den Zweiten Weltkrieg ist Schlesien nicht mehr das, was es einmal war. Ja schon nach der Teilung Oberschlesiens von 1922 konnte sich das Kohlerevier nicht mehr erholen. Wo früher Prosperität galt, prägte nach der Grenzziehung mitten durch die Industriemetropolregion Stagnation den Alltag. Sowohl ökonomische als auch soziale Folgen wirkten sich ungünstig auf die gesamte Region aus. Betrachtet man heutzutage Städte wie Kattowitz oder Beuthen, könnten einem die Tränen von der Wange fließen. Sicherlich, und das habe ich bereits erwähnt, verbirgt sich hinter bröckelnder Fassade die Schönheit der einstigen Architektur aus allen Stilepochen zwischen Spätgotik und Gründerzeit. Doch sie ist vergangen. Und Bemühungen, das Ganze zu restaurieren, sind utopisch. Zu stark wurde diese Region in Zeiten des Kommunismus und der Transformation Polens Ende des 20. Jahrhunderts in Mitleidenschaft gerissen. Aggressiver Plattenbau verdrängte historische Bauten und zerschnitt das Stadtbild ein für alle Mal. Historische Postkarten zeugen von Charme und Glanz, den diese Region offensichtlich verloren hat.  
Schreitet man durch die Straßen Hindenburgs, meinem Geburtsort, merkt man den längst überhandgenommenen Alkoholismus. Insbesondere der ärmere Teil der Gesellschaft ist dem flüssigen Brot stark verfallen. Gewiss hat die Schließung der Gruben, Zinkhütten oder Kokereien nach dem Niedergang des Kommunismus den noch damals prävalenten Optimismus für eine bessere Zukunft ins Gegenteil umgeschwenkt. Balcerowicz’ „Big Bang“ Theorie, in der sich Polen durch eine Art „Schocktherapie“ in kürzester Zeit den Gesetzen der freien Marktwirtschaft mit gleichzeitig schneller Erholung anpassen sollte, erwies sich alsbald in der Realität als ein Fauxpas. Die Folgen dieser Transformation bezeugen die trostlosen Gesichter der Proletarier bis heute noch. Aggressivität, Xenophobie, Kriminalität, Alkoholismus und Rauschgiftsucht sind Folgen dieser Transformationspolitik. Eine folgenschwere Entwicklung, die noch die nächsten Generationen erfassen wird.

Geisteshaltung

Wie kann ich an dieser Stelle noch begeistert von meiner Heimat reden? Klar, es zerreißt mich sogar, wenn ich sehe, unter welchen Umständen die Bewohner da drüben heute leben müssen. Und ich bin auch Gott dankbar, dass meine Eltern als Spätaussiedler zum richtigen Zeitpunkt diese Region verlassen konnten. Dankbar bin ich dafür, nicht in einem Umfeld misslicher Umstände aufgewachsen zu sein. Es geht mir hierbei nicht um die Armut per se, sondern um seine Begleiterscheinungen. Ich wüsste nicht, ob ich in so einem Milieu einen Lebensstandard wie den jetzigen in der BRD erreichen würde. Insofern bin ich auch glücklich, Distanz zu dieser Welt zu haben und nur ein bis zwei Mal im Jahr als „Tourist“ meine Heimat zu besuchen. Das hat auch seine Vorteile: Ich sehe nicht nur den tristen Alltag, der mein Anschauungsvermögen sehr einschränken würde. Ich interessiere mich außerhalb Schlesiens für Schlesien. Die Heimatpflege fängt bei der Kommunikation an: Während meine gleichaltrigen Freunde die polnische Sprache nicht mehr beherrschen, komme ich in alltäglichen Situationen sehr gut zurecht. Egal ob ich per Skype mit der Großmutter in Hindenburg telefoniere oder ein Gespräch vor Ort im Supermarkt halte, meine Sprachkenntnisse sind für diese Zwecke absolut ausreichend. Dies habe ich vor allem meiner Familie in Deutschland zu verdanken. Meine Eltern bestanden darauf, zu Hause polnisch bzw. schlesisch zu sprechen, da uns das zu Gute kommen würde. Nur mit dem Lesen ist es schwieriger- und beim Schreiben muss ich mich sehr anstrengen die Schreibfehler zu minimieren. An dieser Stelle ist es wichtig zu erwähnen, dass ich mit drei Jahren Polen verlassen habe und somit nur die Schule in der Bundesrepublik besucht habe. Seitdem reise ich regelmäßig zu meinen Verwandten in die Heimat. Vor der Schule einige Monate im Jahr, dann in den Ferien. Heute ist es so, dass ich jedes Jahr mindestens einmal meine Heimat besuchen muss. Es ist ein tiefes Verlangen, dass ich schon im Frühling hege, um in den Sommermonaten meinen Aufenthalt in Schlesien zu planen. Es ist so als würde mich die Heimat rufen. Dem Ruf muss ich folgen. Es ist die ganz besondere "Luft", die ich vermisse und ich mich so sehr danach sehne sie zu wittern. Am schönsten ist es Abends, wenn in den Kokereien Rauch aufsteigt und dieser sich in der ganzen Region ausbreitet. Für die einen ist dieser Geruch penetrant - mich macht er glücklich. Der Markt vor unserer Haustür ist ein Highlight. Jeden Morgen kaufe ich die wichtigsten Lebensmittel für den Tag ein. Brot, Eier, Schnittlauch und schlesische Salzdillgurken gehören zum täglichen Frühstück, dass meine Großmutter dann liebevoll zubereitet. Diese Art von "Simple Life" gefällt mir und auszusetzen habe ich dabei nichts. Es macht mir Spaß, sich auf polnisch mit den Verkäuferinnen zu unterhalten. Höre ich jemanden schlesisch sprechen, geht mein Herz auf. Wie sehr ich diese Mundart liebe! Und dann ist da noch der Fußball: Als Fan begeisteter Fan des Kultvereins Gornik Zabrze lasse ich kein Heimspiel aus.
Bergmannsdenkmal in Hindenburg

Faszination Industriekultur

Schlesiens Industriegeschichte hat mich schon seit eh und je fasziniert. Seit ca. fünf Jahren habe ich deshalb immer eine Kamera mit dabei, um die Vielzahl an historischen Bauwerken zu erfassen. Und davon gibt es in Schlesien eine Menge. Nicht umsonst wurde Oberschlesien der „Luftschutzbunker des Deutschen Reichs“ genannt - die Städte im Kohlerevier waren außer Reichweite für die Bomber der Alliierten. In der Vergangenheit habe ich die Großstädte und Sehenswürdigkeiten mit dem Auto befahren. Weil ich aber vor einigen Jahren das Radfahren als Hobby entdeckt habe, dachte ich mir, mein Mountainbike auch nach Schlesien mitzunehmen.

Restbestand der Donnersmarckhütte in Hindenburg
Und so erkundete ich die Gegend mit dem Fahrrad. Zuerst waren es Tagestouren im Umkreis von Hindenburg, meiner Geburtsstadt. Danach habe ich den Radius erweitert. So war ich beispielsweise innerhalb eines Tages in Ratibor und konnte noch am selben Tag zurück fahren. Plawniowitz, Kandrzin, Oppeln, Tost, Peiskretscham, Lublinitz, Tarnowitz, Neudeck und Sewerien (strenggenommen ist dieser Ort nicht mehr Teil Schlesiens) sind einige Orte, die ich mit dem Fahrrad befahren habe. Ja, diese Radreisen beeinflussten meine Reiseplanungen sehr stark. Ich habe mir damals vorgenommen, jedes Jahr mit dem Rad Neues zu entdecken. Ich wollte mich mit Tagesreisen nicht mehr zufrieden geben. Es musste viel mehr sein. Ich wollte das verwirklichen, was nur wenige in der Heimat unternommen haben: Ganz Schlesien mit dem Fahrrad auskundschaften. Diese Leidenschaft teile ich seit Sommer 2016 auch mit meinem Onkel, der in Hindenburg wohnt und seitdem bei allen Touren mit dabei ist.

Hoffnung und Ziele

Mein Wunsch ist es, dass diese Region wieder eine größere Rolle in den deutsch-polnisch-tschechischen Beziehungen spielt und sich zur Brückenregion Mitteleuropas entfaltet. Gleichzeitig wünsche ich mir souveränes Schlesien bezogen auf seine regionale und kulturelle Eigenart. Es ist mir wichtig, dass Schlesiens Geschichte frei von nationaler Propaganda aufgearbeitet wird (Beispielsweise habe ich im Museum der Schlesischen Aufstände in Schwientochlowitz eine einseitige, stark an den polnischen Patriotismus angelehnte Version der Aufstände vernehmen können). Mit anderen Worten muss Schlesiens Vergangenheit wieder politisch unabhängig betrachtet und seine adäquate Geltung in der Geschichtsschreibung von neuem restauriert werden.
Das gab mir den Antrieb auf meiner jüngsten Fahrradreise ein Tagebuch zu schreiben, um meine Sinneseindrücke der Mitwelt zu präsentieren. Durch meine Verbundenheit zur Heimat werde ich dieses Ziel, Schlesiens Vergangenheit gebührend zu würdigen, gewiss viele Jahre verfolgen. Bis dahin heißt es: 

"Mein Schlesierland, mein Heimatland!
So von Natur, Natur in alter Weise,
wir sehn uns wieder, mein Schlesierland“

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